Dem Tod in die Augen schauen

„Ich lag sieben Monate im Krankenhaus – davon eine Woche im Koma. Keiner durfte mich besuchen: Blutkrebs im vorletzten Stadium“, erzählt mir eine 31-jährige in diesen Tagen. VideoAudio (direkt), podcastAudio („Mehr“-Variante)Weiter sagt sie: „Ich hatte schreckliche Angst. Denn ich habe dem Tod in die Augen geschaut. Was Schlimmeres kann ich nicht mehr erleben. Doch plötzlich habe ich gespürt: Der Tod kann mir nichts tun, wenn ich mit Gott bin. Gott wird mir im Tod helfen“. Dieses Vertrauen hat ihr den Schrecken vor dem Tod genommen.

Was sie mir erzählt hat mich sehr berührt. Welche verändernde Kraft liegt im Glauben an Gott. Ihr Glaube bestätigt auch meine Hoffnung: Ich glaube, wenn der Tod mich vernichten will, dann wird Gott mich nicht im Stich lassen. Der Sohn Gottes, Jesus Christus, wird mir seine Hand reichen und mich aufrichten zum ewigen Leben.

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Lesejahr B, 13. Sonntag im Jahreskreis 2012, Homilie, Br. René Dorer

Bibelstellen: Lesungen: Gen 3, 9-15; Ps 130 (129), 1- 8;  2 Kor 4, 13 – 5, 1; Mk 3, 20-35

Andere Literatur:

Thomas von Celano, 2. Lebensbeschreibung des Hl. Franziskus (=2 C),  hier: 2 C 217,9,  in: Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), Franziskusquellen, Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seine Orden, Kevelaer 2009, 417.

Einheitsübersetzung der Hl. Schrift, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart

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„So warm – das sind die schönsten Tage des Jahres. Die genieße ich“, sagt mir jemand vergangene Woche. Jetzt ist wirklich Sommer. Urlaubszeit steht bevor. Alles lebt auf. Wer denkt da an den Tod. Ich schon. Eine 31-jährige hat mir in diesen Tagen erzählt: „Ich lag sieben Monate im Krankenhaus – davon eine Woche im Koma. Keiner durfte mich besuchen: Blutkrebs im vorletzten Stadium“. Weiter sagt sie: „Ich hatte schreckliche Angst. Denn ich habe dem Tod in die Augen geschaut. Was Schlimmeres kann ich nicht mehr erleben. Doch plötzlich habe ich gespürt: Der Tod kann mir nichts tun, wenn ich mit Gott bin. Gott wird mir im Tod helfen“. Dieses Vertrauen hat ihr den Schrecken vor dem Tod genommen.

Acht Jahr sind inzwischen vergangen. Gott sei Dank hat ihr die medizinische Behandlung geholfen. Sie lebt noch immer. Ihr Glaube an Gott ist jetzt viel intensiver als früher. Dass sie vor dem Abgrund des Todes plötzlich in Gott Halt fand, das trifft mich. Ihr Glaube bestätigt auch meine Hoffnung: Ich glaube, dass Gott mich nicht im Stich lässt, wenn der Tod mich vernichten möchte.

Es ist der Glaube an den Gott der Bibel, der mir schon in diesem Leben so viel Hoffnung gibt. „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen“, heißt es im Buch der Weisheit. Gott will den Menschen für immer leben lassen. Dass ich unvergänglich bin tröstet mich. Dazu gehören auch die Worte aus dem Buch der Weisheit, die den Tod relativieren: „Das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde“ (Weish 1,14).

Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht aus eigener Kraft den Tod überwinden kann. Diese Erkenntnis wird im Psalm 30 besungen: „Herr, du hast mich aus der Tiefe gezogen, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes“. Nicht der Mensch kann sich aus dem Tod erheben. Gott ist es, der heraus holt aus dem Tod. Er allein hat die Macht über den Tod.

Das Leben, zu dem Gott mich aufrichten kann, ist nicht irgendein dahinvegetieren. Es ist ein Leben das Freude mach. Diese Ahnung ist im Psalm 30 ausgedrückt: „Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes. Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt“ (vgl. Ps 30 (29),4.12).  Das Leben zu dem Gott mich hoch ziehen kann – mitten im Tod – ist ein erfülltes Leben. Die Hoffnung auf so ein Leben ist so erfreulich, dass sie den Menschen zum Tanzen bringt.

Um uns in dieses erfüllte ewige Leben zu holen streckt Gott uns seine rettende Hand entgegen. Diese Hand ist eine Person. Sie ist Jesus Christus. Das wird für mich deutlich in einer Erzählung des Markusevangeliums. Einmal fällt der Synagogenvorsteher Jairus Jesus zu den Füßen. Er bittet ihn: „Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.“ (Mk 5,22-23). Als Jesus zu dem Mädchen kommt, ist es schon gestorben. Die Leute weinen. Jesus geht mit den Eltern des Mädchens und mit seinen Begleitern in den Raum, wo die Tote liegt. „Er fasst das Kind an der Hand und sagt zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Sofort steht das Mädchen auf und geht umher“ (Mk 5,41-42a).

Jesus zeigt, dass er die Macht hat, vom Tod zu befreien. Ich glaube, dass Jesus uns alle zum ewigen Leben aufrichten kann. Denn er bringt uns mit Gott selbst in Verbindung. Und wer bei Gott ist, der ist im Leben, im ewigen Leben.

Ich denke da auch an das große Vertrauen des Heiligen Franziskus von Assisi. Er konnte dem Tod getrost ins Auge schauen. Denn er wusste sich ganz mit Jesus verbunden. Deshalb glaubte er, dass Jesus ihm im Tod zum Leben aufrichte wird. Knapp vor seinem Sterben sagt Franziskus zu seinem Arzt: „Mut, Bruder Arzt, sag es mir nur, dass der Tod sehr nahe ist; er wird mir die Pforte zum Leben sein“ (vgl. 2C 217,9). Der Heilige aus Umbrien hatte keine Angst vor dem leiblichen Tod, denn er wusste, dass er in der Macht Gottes aufgehoben ist.

Ich wünsche, der jungen Frau, die mir von ihrer Glaubenserfahrung inmitten der Todesangst berichtet hat, einen Glauben an Gott, der immer tiefer und stärker wird. Ich hoffe, dass sie noch lange auf dieser Welt lebt, um vielen von ihrem Glauben zu erzählen. Ich bitte Jesus, dass er uns eine große Hoffnung gibt, dass er uns fest an seiner Hand hält. Gerade dann wenn uns der Tod bedroht. Denn Jesus kann dich und mich vor dem Untergang im Tod retten und uns herausziehen mit den Worten: „Ich sage dir, steh auf!“ (vgl. Mk 5,41).