Faire Affen

„Affe“ gilt bei uns als Schimpfwort. Wissen sie, dass bestimmte Affenarten sehr intelligent sind? Sie können noch mehr. In diesen Tagen haben US Forscher Experimenten mit sechs Schimpansen gemacht. Dabei haben sie festgestellt, dass diese einen Sinn für Fairness haben, dass sie sogar bereit sind, miteinander zu teilen.

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Die Fähigkeiten der Schimpansen lassen mich staunen. Mir scheint, dass wir Menschen leider manchmal unter das Niveau von Schimpansen zurück fallen. Wie böse können wir manchmal zueinander sein. Wie ungerecht sind wir Menschen, wenn Industriestaaten auf Kosten der Entwicklungsländer Reichtum anhäufen.

Ich wünsche mir für mich und für uns alle, dass wir weit über Schimpansen hinaus lernen fair und liebevoll miteinander umzugehen. Mir kommt da der Christenmensch Franziskus von Assisi in den Sinn. Von ihm wird berichtet: „Seine besondere Liebe galt den Kranken und Armen, und wo seine Hände nicht helfen konnten, da schenkte er wenigstens liebevolle Zuwendung“ (Lm III 7,2).

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Lesejahr C, 3. Sonntag im Jahreskreis, Homilie, Br. René Dorer

Bibelstellen: Neh 8,2-4a.5-6.8-10;  Ps 19 (18), 8-15; 1 Kor 12,12-31a; Lk 1.1-4; 4,14-21 (Einheitsübersetzung der Hl. Schrift, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart)

weitere Literatur:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/fairness-affen-haben-einen-sinn-fuer-gerechtigkeit-a-877556.html

Ermahnungen des Hl. Franziskus von Assisi (= Erm), hier: Erm 9,1-4, in: Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), Franziskusquellen, Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seine Orden, Kevelaer 2009,49-50.

Schimpansen sind gar nicht so egoistisch, wie angenommen. Zu diesem Schluss sind in diesen Tagen Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit der Georgia State University in Atlanta gekommen. Sie machten Experimenten mit sechs Schimpansen und entdeckten dabei, dass die Tiere einen Sinn für Fairness haben, dass sie sogar bereit sind miteinander zu teilen. Forscher vermuten, dass die Schimpansen im Laufe der Evolution gelernt haben, zusammenzuarbeiten, weil ihnen das in freier Wildbahn Vorteile bringt.

Ich finde es erstaunlich, wie begabt diese Tiere sind. Sie sind fast wie Menschen. Oder besser gesagt, leider fallen wir Menschen manchmal unter das Niveau von Schimpansen zurück. Das ist wohl der Fall, wenn wir ich daran denke, wie verletzend wir Menschen manchmal im Alltag miteinander umgehen, wie rücksichtslos reiche Industriestaaten manchmal gegenüber den Entwicklungsländer sind, wie grausam Leute einander misshandeln können.

Ich wünsche mir für mich und für alle, dass wir weit über Schimpansen hinaus lernen fair miteinander umzugehen. Das wir frei werden von bösen Gedanken und Plänen, frei werden zu einander nicht nur gerecht sondern liebevoll zu sein.

Im Laufe der Geschichte haben die Menschen immer wieder Fortschritte in dieser Richtung gemacht. Ein Meilensprung auf diesem Weg der Evolution waren die Gebote Gottes, die das Volk Israel erhielt wurden. Es ging in diesen Vorschriften um eine Orientierung für die Menschen, damit sie aufeinander Rücksicht nehmen, Leben und Eigentum anderer wertschätzen. Diese Gebote forderten den Menschen auch das zu tun, was Tiere wohl überhaupt nicht machen: bewusst den Kontakt mit Gott zu suchen.

Menschen spürten schon damals, dass diese Orientierungstexte hilfreich sind und dass sie der eigentlichen Bestimmung des Menschen entsprechen. Das drückt sich für mich auch in der Freude aus, die Menschen damals hatten, als sie die Gebote Gottes – damals auch „das Gesetz“ genannt  – lasen und betrachteten. Davon erzählt das Buch Nehemia: Der Priester Esra ließ den Versammelten aus dem „Buch des Gesetzes“ vorlesen. Alle hörten zu. Sie waren tief berührt. Esra forderte sie dabei auf, zu feiern und sie zu freuen“ (vgl. Neh 8,2.6.10). Ich denke es war ihm wohl klar, diese Orientierungshilfe der Gebote Gottes ist ein Fortschritt für den Menschen, ein Gewinn, ein Grund zur Freude.

Der Psalm 19 drückt die Freude über das „Gebot des Herrn“ so aus: „Die Weisung des Herrn erquickt den Menschen. Die Befehle des Herrn erfreuen das Herz“ (vgl. Ps 19(18),8-9). Die Menschen spürten schon damals, dass Gott sie zu einem Leben führen will, das frei ist von Feindschaft und Grobheit, zu einem Leben der Liebe zu Gott und den Menschen. Das ist für mich wie ein Schritt zu einer höheren Seins-Stufe.

Es sollte nicht nur bei dieser Hilfe der Gebote Gottes bleiben. Die alttestamentlichen Propheten zum Beispiel sprechen von einer Entwicklungsstufe, in der der Mensch in neuer Freiheit für das Gute leben wird.

Der Prophet Jesaja verkündet eine Person, die diese Entwicklung einleiten wird. Er spricht von einem Geist-erfüllten Menschen, der sagen wird: „Der Herr hat mich gesalbt, er hat mit gesandt, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde“ (vgl. Jes 61,1). Was hat die Befreiung von Gefangenen mit einer höheren Entwicklungsstufe zu tun? Ich denke, es geht hier nicht zuerst um Freiheit für Straftäter. Es geht um die Befreiung aus dem Gefängnis einer niederen Daseinsweise. Es geht für mich um die wahre Freiheit und Weiterentwicklung des Menschen, auf die schon die Gebote Gottes hinweisen. Es geht um den Menschen, der fähig ist, alle Menschen zu respektieren und ihnen liebevoll zu begegnen. Und es geht um die Freiheit von einer zu engen Sicht der Realität, um die Offenheit für die Dimension, die über das messbare hinausgeht, für Gott. Es geht um die innige Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander. Das ist die Entwicklung auf die die Heilige Schrift den Menschen führen will. Zu dieser Seins-Stufe soll ein besonderer Prophet die Menschen begleiten, so drückt es Jesaja.

Genau diese Voraussage des Jesaja liest Jesus bei einem Synagogengottesdienst in seiner Heimat Nazareth vor. Der Evangelist Lukas berichtet: „Er schlug das Buch auf und fand die Stelle wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt, … damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde“. Jesus erlaubt sich hinzuzufügen: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (Lk 4,21). Er erhebt den Anspruch, dass jetzt der große Geist-begabte Mensch da ist, der die Gefangenen befreit.

In der Zusammenschau der ganzen Botschaft Jesu und des ganzen Neuen Testamentes finde ich zu dem Glauben: Jesus ist der, der mich und alle auf eine neue Seins-Stufe hochheben kann. Denn er holt mich heraus aus der Gefangenschaft in böse, feindliche Gedanken. Weil er mir vorzeigt, was es heißt alle Menschen gut zu behandeln und weil er mir eine Kraft zu Freundlichkeit gibt, die ich im täglichen Gebet finde.

Dass das mit Jesus nicht nur meine eigene Wunschvorstellung ist, sondern funktioniert, zeigt mir neben vielen auch Franziskus von Assisi. Er war ein befreiter Mensch, ein Mensch der die höchste Evolutionsstufe erreicht hat, ein Sein in der Liebe. Der Franziskusbiograph Bonaventura schreibt in seiner „Leganda Minor“ über Franziskus: „Seine besondere Liebe galt den Kranken und Armen, und wo seine Hände nicht helfen konnten, da schenkte er wenigstens Liebe“ (Lm III 7,2).

Ich bete zu Jesus, dass er uns allen hilft, dass wir fairer als Schimpansen leben. Denn ich glaube, Jesus kann uns frei machen für diese Entwicklungsstufe. Er ist für mich „Der-mit-dem-Geist-Gottes-Befähigte“, der „den Gefangenen die Entlassung verkündet“ (vgl. Lk 4,18).