Leben lassen

Wir haben keinen Empfang auf unserem Mobiltelefon,

so erzählt mir ein Berliner Paar,

das ich in diesen Tagen in den Hohen Tauern getroffen hab.

Auf einer Almhütte in einer abgelegenen Gegend machen sie für zwei Wochen Urlaub.

Dass sie keinen Empfang mit ihrem Mobiltelefon haben,

stört sie gar nicht.

„Alle wissen,

dass wir Urlaub haben und momentan nicht erreichbar sind“, sagen sie gelassen.

Für einige Tage entbehrlich zu sein,

mal allen Alltags-Arbeitsdruck hinter sich lassen,

das ist erfrischend.

Im Urlaub können wir spüren,

was es bedeutet,

ohne dauernd was leisten zu müssen,

einfach da zu sein,

gelassen leben.

Leben und leben lassen ist auch Jesus wichtig.

„Lasst beides wachsen“,

sagt ein Gutsherr im Gleichnis Jesu.

Jesus erzählt von einem Weizenfeld,

in das ein Feind Unkraut sät.

Die Arbeiter des Gutsherrn,

wollen das Unkraut ausreißen.

Der Gutsbesitzer aber ist dagegen:

Lasst beides wachsen, bis zur Ernte.

Sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus, ermahnt er (Mt 13,30).

Was dieses Gleichnis bedeutet erklärt Jesus.

Der gute Samen, der Weizen, das sind die Söhne des Reiches, gemeint sind alle, die als Kinder Gottes leben.

Diesen guten Samen sät der Menschensohn, also Jesus.

Denn Jesus hilft den Menschen, als Kinder Gottes zu leben.

Das Unkraut im Weizen,

sind die Söhne des Bösen.

Es sind alle Menschen, die gegen die Gebote Gottes leben.

Am Ende der Welt wird dieses Unkraut von Engeln eingesammelt und in das Feuer geworfen.

Mit diesem Gleichnis möchte Jesus vor allem auch zur Gelassenheit mahnen.

Wir sollen das Unkraut nicht ausreißen,

wir sollen es lassen.

Das heißt:

wir sollen die Menschen leben lassen.

Wir sollen friedlich sein auch gegenüber den Menschen,

die wir als „die Bösen“ beurteilen.

Es geht hier Jesus um die Toleranz gegenüber Menschen.

Leider hat die Kirche einige Jahrhunderte

die Botschaft dieses Gleichnisses übersehen.

So hat sie zugeschaut und es unterstützt,

das Andersgläubige

oder aus ihrer Sicht Irrgläubige

ausgegrenzt ja sogar ausgemerzt wurden:

So kam es eine Zeit lang zur bedauerlichen Praxis,

dass die Kirche stillschweigend zugestimmt hat bei Hexenverfolgungen

und Gewalt an sogenannten Irrlehrern befürwortet hat.

Gott sei Dank hat die Kirche die Bedeutung des Gleichnisses vom Unkraut im Weizen wiederentdeckt.

Die Kirche hat Toleranz gelernt gegenüber Andersdenkenden Wenn das auch mit einbezieht,

dass Vertreter der Kirche nicht tolerant aller befürwotet, was andere denken und sagen.

Aber wir müssen die Menschen leben lassen,

wir müssen bei allem menschenfreundlich bleiben,

wie es auch Gott ist,

der bereit ist allen zu verzeihen,

der so unendlich viel Geduld hat.

Vor allem lehrt uns das Gleichnis vom Unkraut,

dass wir Andersdenkende nicht ausgrenzen,

ihnen die kalte Schulter zeigen,

und sie ignorieren.

Nach dem Motto „Du bist für mich gestorben“.

Wir sollen die wachsen lassen,

leben lassen,

die wir verurteilen.

Wir sollen sie geduldig lassen.

Jesus möchte uns ermutigen,

alle Menschen anzunehmen,

weil sie Menschen sind.

Der Heilige Franz von Assisi,

hat Gelassenheit und Geduld als Hohes Ideal gelebt.

und er schreibt in einer Ermahnung:

„Jene sind in Wahrheit friedfertig, die bei allem, was sie in dieser Welt erleiden, um der Liebe unseres Herrn Jesus Christus will in Geist und Leib den Frieden bewahren“ (Erm 15).

Bitten wir Jesus,

dass wir bei ihm lernen,

die Menschen leben zu lassen,

ihnen allen unsere Aufmerksamkeit zu schenken,

uns ihnen gegenüber friedlich zu verhalten.

Denn Jesus sagt:

Deshalb „Lasst beides – Weizen und Unkraut –  wachsen bis zur Ernte.“

Lesejahr A, 16. Sonntag im Jahreskreis, Homilie, Br. Rene Dorer, Lienz

Bibelstellen: Weish 12, 13. 16-19; Ps 86 (85), 5-16; Röm 8, 26-27; Mt 13, 24-43

Andere Literatur:

Ermahnungen des Hl. Franziskus von Assisi (= Erm), hier: Erm 15,  in: Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), Franziskusquellen, Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seine Orden, Kevelaer 2009, 51.